5 Statements vom HSV CFO Frank Wettstein


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    Ein Gastbeitrag von Ralf Leister (25.01.2017)

    Am vergangenen Mittwoch 18.01. hatte ich die Gelegenheit einen Vortrag von Frank Wettstein – Finanzvorstand des HSV – zu besuchen. Laut → Hamburger Abendblatt versammelten sich gut 140 Zuhörer im Audimax der Nordakademie in Elmshorn.

    Dies nehme ich zum Anlass, um Euch von den spannenden 90 Minuten zu berichten. Binnen kürzester Zeit ist dies somit der zweite Bericht vom Vortrag eines Verantwortlichen des Hamburger SV.

    Im November besuchte ich eine ähnliche Veranstaltung und veröffentlichte anschließend den Artikel → 4 Thesen von Joachim Hilke (bis Ende letzten Jahres Marketingvorstand des HSV).

    Frank Wettstein startete seinen spannenden Vortrag mit fünf Statements. Auf diese kam er während der gesamten Veranstaltung immer wieder zusprechen, weshalb ich sie Euch einzeln vorstellen möchte.

    1. Geld schießt zwar keine Tore gewinnt aber Meisterschaften

    Dieses Statement war der Titel des Vortrags und somit die erste Aussage. Bei der Erläuterung dieser These musste das Publikum lachen.

    Würde Geld Tore schießen, wäre der Hamburger SV aktuell nicht 16. Wir müssten keine Spiele austragen sondern könnten die Tabelle einfach nach einem Mix aus Spieleretat und gezahlten Ablösesummen sortieren. Für den HSV wäre die Tabellen-Situation dann sicher entspannter. Spannend wäre es für uns Zuschauer jedoch nicht.

    Obwohl Geld keine Tore schießt, finden wir am Ende der Saison nur finanzstarke Clubs an der Tabellenspitze der Bundesliga. Neben dem FC Bayern sind hier auf jeden Fall Borussia Dortmund, ggf. Bayer Leverkusen und Schalke 04 vertreten.

    Keiner dieser Clubs nagt am finanziellen Hungertuch. So verwundert es kaum, dass der Aufsteiger RB Leipzig mit Red Bull im Rücken wesentlich mehr Druck auf die Top-Clubs ausüben kann, als der eher finanzschwache SC Freiburg.

    Dies führt direkt zum zweiten Statement.

    2. Rückstand des HSV auf den FC Bayern beträgt mehr als nur Tabellenplätze

    Ein Blick auf die Abschlusstabelle der Saison 2015/16 zeigt, dass der Abstand zwischen dem HSV (41 Punkte) und dem FC Bayern (88 Punkte) insgesamt 47 Punkte beträgt.

    Sportlich bedeutet dies, dass die Hamburger 16 Spiele (!) hätten mehr gewinnen müssen, um bei gleicher Performance der Bayern an diesen vorbei zu ziehen. Das ist immerhin fast die Hälfte aller Partien einer Saison. Nichts desto trotz ist das beschriebene Szenario theoretisch möglich.

    Finanziell liegen jedoch Welten zwischen beiden Clubs. Der HSV erlöste laut Konzernberichten in den vergangenen Saisons um die 120 Millionen €. Die Umsatzerlöse der Süddeutschen liegen ca. 400 Millionen € höher in Sphären um die 520 Millionen €.

    Selbst wenn das – leider unrealistische – oben beschriebene sportliche Szenario eintritt und der HSV den FC Bayern in einer Saison überholen würde, ist eine Umkehr der finanziellen Kräfteverhältnisse mehr als unwahrscheinlich.

    In diesem Gedanken- & Zahlenexperiment ist der HSV durch den Großteil der anderen Bundesligaclubs problemlos zu ersetzen. An Stelle des FC Bayern könnten nur wenige Clubs treten. Derzeit allen voran die Borussia aus Dortmund.

    Atmosphäre
    Atmosphäre beim Vortrag von HSV CFO Frank Wettstein [Fotos bereitgestellt durch die Nordakademie]

    3. Ausgeglichenheit des sportlichen Wettbewerbs ist der Erfolgsfaktor für den Fußball

    Trotz des oben beschriebenen finanziellen Ungleichgewichts zwischen den Clubs der Bundesliga, konsumieren wir Zuschauer fleißig den Fußball. Dieser Konsum ist jedoch stark davon abhängig, wie ausgeglichen die Bundesliga und die einzelnen Spiele sind.

    In seinem Vortrag fragte Frank Wettstein:

    „Sollte ein Spiel lieber 12:2 oder 1:0 ausgehen?“

    Im ersten Fall würden die Zuschauer selbstverständlich von einem Spektakel sprechen. 14 Tore in einem Spiel bedeutet, dass alle 6,5 Minuten eines fällt. Mit Sicherheit kein langweiliges Spiel. Es sei denn: Jeder erwartet ein so hohes Ergebnis.

    Aus Sicht der Liga ist ein knappes 1:0 einem womöglich spektakulärem aber mit Sicherheit nicht ganz so spannendem 12:2 vorzuziehen. An dieser Stelle haben wir uns bereits mit dem so genannten → Spannungsgrad sowie dem → Status Quo zur Spannung in der Bundesliga auseinander gesetzt.

    4. Wenn alle 18 alles richtig machen, steigen trotzdem zwei Clubs ab

    Auch wenn diese Aussage wenig überraschend ist, ist sie von enormer Wichtigkeit. In klassischen Märkten können alle Unternehmen ihre Ziele erreichen. Diese beziehen sich häufig auf Wachstum & Profitabilität.

    Sofern der jeweilige Markt wächst, können alle Wettbewerber ebenfalls wachsen. Die Profitabilität hängt hierbei maßgeblich von der Effizienz ab, mit der die Unternehmen operativ arbeiten. In der Betriebswirtschaft spricht man hierbei von operativer Exzellenz.

    Als vergleichendes Beispiel zur Bundesliga brachte Frank Wettstein den DAX ins Spiel. Der Deutsche Aktienindex enthält die 30 deutschen Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung.

    In regelmäßigen Zyklen wird überprüft, ob an der Zusammenstellung des DAX etwas geändert werden muss. Denkbar ist dies beispielsweise, wenn ein Unternehmen des MDAX ein DAX-Unternehmen hinsichtlich der Marktkapitalisierung überholt.

    Der Wechsel vom MDAX in den DAX gleicht dem Aufstieg von der zweiten in die erste Bundesliga im Fußball. Mit einer Ausnahme:

    Wenn kein MDAX-Unternehmen besser ist, als das schlechteste DAX-Unternehmen, wird es zu keinem Wechsel kommen. Sollten jedoch alle 18 Bundesligisten besser sein, als der beste Zweitligist, kommt es dennoch zu mindestens zwei Auf- bzw. Abstiegen.

    5. Die 50+1-Regel gilt nicht mehr

    Natürlich wurde die 50+1-Regel (noch) nicht abgeschafft. Von einer verpflichtenden Geltung für alle deutschen Fußballclubs kann dennoch nicht die Rede sein.

    Mittlerweile gibt es zu viele Ausnahmen dieser sehr umstrittenen Regel, wonach der Mutterverein immer die Stimmenmehrheit an der möglicherweise ausgegliederten Profifußball-Abteilung halten muss.

    Neben Borussia Dortmund, RB Leipzig, dem VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen und der TSG Hoffenheim verstoßen auch die Zweitligisten 1860 München sowie zukünftig Hannover 96 gegen die Regelung.

    Als Möglichkeiten zur Umgehung nützen hierbei beispielsweise die Ausgabe stimmrechtloser Aktien einer GmbH & Co KGaA, die Gründung als Betriebssportmannschaft, Unterstützung des Clubs über 20 Jahre hinweg und die Gründung eines hoch exklusiven Muttervereins.

    Details zur 50+1-Regel sowie eine Erklärung meiner These, dass eine Abschaffung immer schwieriger wird, findest Du hier unter dem Stichwort → Warum und wie die 50+1-Regel fallen könnte .

    Ralf Leister ist Autor des Blogs fussballwirtschaft.de